Das Gefängnis der Routine
Das Gefängnis der Routine ist unsichtbar – bis wir erkennen, dass wir nicht wirklich leben, sondern nur funktionieren, und den Mut finden, auszubrechen und wieder die Freiheit des Lebens zu entdecken.

Dieselben Aktivitäten – Tag ein, Tag aus.
Warum ist es ein Gefängnis?
Weil du oft nicht mal merkst, dass du da drin steckst. Es funktioniert doch alles. Du stehst auf, machst Frühstück, gehst zur Arbeit – die übliche Routine. Aber genau darin ist der Haken – du funktionierst. Und zwar verdammt gut. Aber im Funktions-Modus ist wenig Raum für Spaß, Wachstum.
In einem Käfig wiederholender Tätigkeiten kennst du alles schon. Wenn dir jemand erzählt, er probiert jetzt etwas Neues, denkst du: Gute Idee – der muss Zeit haben. Dafür habe ich keine Zeit. Genau – denn im Gefängnis des Funktionierens ist kaum Raum für Neues. Weder inhaltlich/physisch noch emotional. Physisch: Du hast deine Routinen, alias keine Zeit. Emotional: Dein Verstand hält dich so gefangen, dass du nicht mal erkennst, dass es im Gefängnis der Routine selbst emotional keinen Raum für Neues gibt. Der Raum wirkt eng, aber auch vertraut. Etwas Neues bedeutet unbekanntes Terrain – viel zu gefährlich im Modus des Funktionierens.
Viel zu offen, viel zu weit. Wie eine Maus, die das Hamsterrad verlässt und nun Angst in der freien Wildnis hat – da könnten Katzen, Leoparden und Mausefallen sein. Genau das macht das Nächste am Käfig der Routine so gefährlich. Dass alles andere außerhalb des Käfigs gefährlich klingt, außer die vertrauten Routinen selbst.
„Kann ich machen, wenn ich mehr Zeit habe“, erzählt dir die vertraute Kopfstimme.
Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr vergehen.
Da beobachtest du eines Tages die Nachbarkinder: „Meine Güte, sind sie groß geworden. Meine Güte, sind die Jahre vergangen.“ Doch es sind nicht die Jahre vergangen für die Kinder, die Kinder sind mit den Jahren gegangen. Sie sind gewachsen, haben sich weiterentwickelt, erkunden ihre eigene Welt der Möglichkeiten.
Ein Kind sitzt nicht täglich da und sagt, es lernt mal laufen, wenn es Zeit hat. Es steht auf, wagt den ersten Versuch, fällt hin und steht wieder auf. Es hat keine Angst vor der Weite. Es erkundet sie. Es gibt für das Kind keine Mäusefallen, Katzen und Leoparden, die gefährlich werden könnten. Keine Ausreden, selbstgedichtete Geschichten und eingebildete Geister. Es gibt nur ein Probieren, ein Neugierigsein.
Es gibt für ein Kind keine Vergangenheit und keine Zukunft. Jetzt steht es auf und läuft. Im nächsten Moment spielt es. Es rennt mitten in die Pfütze. Der Hund kennt dasselbe. Es gibt kein Morgen. Es gibt nur jetzt.
Routinen sind nicht schlecht, sie geben Halt.
Doch sie werden dann zum Gefängnis, wenn man spürt, es ist Zeit für etwas Neues und man sich alle möglichen Geschichten einredet. Wenn die laute Kopfstimme wie ein Bilderbuch vorattert, was denn schiefgehen könnte.
Wenn die Kopfstimme einem plötzlich einen Roman zusammendichtet, warum man etwas nicht tun kann. Wie die Routinen jetzt umso wichtiger werden und ausgebaut werden.
Die Stimme, die selbst potenziell diese Zeilen hier als „Unsinn“ bezeichnet. Sie muss sie als Unsinn bezeichnen, um sich aufrechtzuerhalten. Um das Gefängnis aufrechtzuerhalten.
Irgendwann kommen die Wehwehchen. „Das ist das Alter“, sagt die Kopfstimme.
Doch was ist Alter? Es ist die Akkumulierung von Momenten. Doch wenn ich Moment für Moment in einem Gefängnis, einer Enge an Routinen festsitze und mich schon gar nicht mehr erinnere, wann ich das letzte Mal richtig aufgeblüht bin, liegt es nicht am Alter. Sondern an den vielen Geschichten, die ich mir über die Jahre erzähle, dass es mittlerweile schon ganze Bände im Kopf geworden sind, die zum Ballast werden. Dass ich nicht mehr aus Spontanität und Freude handle, sondern aus der Erinnerung, der Routine. „So macht man es.“ In den vielen Bänden im Kopf gibt es schon eine passende Ausrede oder Geschichte für jede Situation.
Irgendwann fängt es an, sich nebelig anzufühlen. Die Freude schwindet, die Wahrnehmung wird taub.
„Depressive Verstimmung“, sagt der Arzt.
„Gefängnis der Routine“, flüstert das Herz.
„Ist eben so“, sagt die Kopfstimme.
Irgendwann fängt dieses Gefängnis an zu kreisen. Die Geschichten wiederholen sich.
„Ich bin viel zu beschäftigt. Es gibt so viel zu tun.“
Das Gefängnis legt an Geschwindigkeit zu, wie die Maus, die sich plötzlich im Hamsterrad, das sich zu drehen anfängt, denkt, sie bewegt sich weiter, ohne zu merken, dass sie im Kreis läuft.
Die Kopfstimme hält dich auf Trab. „Mach noch mehr. Du machst zu wenig. Lauf schneller.“
Alles wird zu viel.
„Lenk dich ab“, sagt der Nachbar, der dich nach langem mal wieder sieht.
Doch alles ist zu viel. Du läufst und läufst und der Kopf steht dir bis oben.
Ein Glas Sekt steht in der Küche zur Entspannung.
Genau. Denn das hemmt die Sinne weiter. Du läufst weiter, aber mit Sekt fühlt es sich plötzlich nicht mehr so schlimm an. Plötzlich läufst du und läufst du und fühlst dich für einen Moment leicht, freudig.
Dieses Gefühl von Leichtigkeit – wann hast du es das letzte Mal gefühlt?
„Das ist nicht das Leben“, erwidert die Kopfstimme.
„Das Leben ist hart. Mach weiter.“ Und so kämpfst du weiter.
Nun siehst du den Nachbarn im Garten relaxen.
„Der kann’s ja. So ein Leben hätte ich auch gerne.“ Und die Wut und Eifersucht werden stärker als die Freude am Glück.
„Arroganter Schnösel“, sagt die Kopfstimme. „Fauler Sack.“
Die Kopfstimme findet nun für jeden Zustand und jede Person einen passenden Ausdruck.
„Willst du mal mitkommen zur Laufstunde?“, fragt der Nachbar.
„Der hat Zeit“, sagt die Kopfstimme.
„Keine Zeit“, erwiderst du. Denn dein Tag ist voller Routinen, die erfüllt werden müssen, um die Kopfstimme möglichst ruhig zu halten. Um das Gefängnis am Funktionieren zu halten. Und irgendwann stirbst du mit Wehmut, Reue, im selbstkreierten Selbstmitleid.
„Hätte ich nur mehr gelebt.“ Sind die letzten Worte.
Oder du gehörst zu den Mutigen, die das Glas sprengen und ausbrechen in die Freiheit an Möglichkeiten. In die Weite, die schon immer da war, verfügbar war, aber dir die Kopfstimme immer ausgeredet hat.
Du zerbrichst gedanklich die Romane an Erinnerungen und die gedanklichen Bilderbücher an Ausreden und merkst, du bist frei.
Frei von Geschichten.
„Viel zu unsicher“, sagt plötzlich das Nervensystem, das mit Angst vor Neuem reagiert.
Ja, für ein System, das jahrelang im Gefängnis war, wirken Freiheit und Weite unsicher, gespenstig.
Du setzt dich hin und merkst, du wachst auf. Vom selbst kreierten Gefängnis der Gedanken und Routinen. Vorbei sind die Romane & Bildergeschichten, die Ausreden und die „aber“. Da ist nur noch ein „Probiere ich.“
Und plötzlich kommt das Kind in dir zurück, das von Moment zu Moment spielt, genießt und wächst, ohne daran zu denken, was gestern war oder morgen sein wird. Das hier und jetzt im Moment anwesend ist. Das sich von der Freude leiten lässt, von Moment zu Moment lebt, anstatt von Routine zu Routine springt. Du kommst zurück ins Leben.
Du kommst wieder mitten im Leben an. Mitten drin genießt es. Kein Irgendwann mehr. Nur ein Jetzt. Hier.
Ein Impuls:
Träumst du noch von irgendwann oder lebst du schon deinen Traum?
Überdenkst du noch oder genießt du schon?
Diskutierst und verhandelst du noch mit der Kopfstimme oder lässt du dich einfach treiben?
Vom Fluss des Lebens, der dich trägt.
Copyright © 2026 Laura Becker
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